Traditionelle Beckenbodengymnastik versus funktionsspezifische Beckenboden- Sphinktertherapie des Tanzberger Konzepts

Lange stand die Rehabilitation des Beckenbodens nach der Geburt im Schatten des Bauchmuskeltrainings. Die Traditionelle Wochenbett- und Rückbildungsgymnastik richtete sich vorwiegend auf die geweiteten Bauchdecken. Der kosmetische Effekt- die Rückgewinnung der schlanken, muskelfesten Figur- war das Ziel.

Zum Programm einer Rückbildungsgymnastik gehörte auch die sog. Hockergymnastik, Wirbelsäulenbewegungen mit Armschwüngen und das Zusammenführen der Oberschenkel gegen den Widerstand der Hände.

Die direkte Anleitung für den gedehnten Beckenboden und den insuffizienten urethtralen Schließmuskel beschränkte sich auf Harnstrahlunterbrechungen mit der Absicht, den genauen Ort für anschließende Spannungsübungen kennen zu lernen. Dies galt als richtungsweisende Hilfe für nachfolgende „Kneifübungen“, bei denen die Frauen „alles“ zusammenkneifen sollten, den Schließmuskel, die Oberschenkel und die Gesäßmuskelhälften.

Solche in Rückenlage ausgeführten Gesäß- und Oberschenkelanspannungen entsprachen der damaligen mechanistischen Vorstellung und Vorgehensweise. Aus heutiger Sicht bestand ein entscheidender Mangel an anatomisch- physiologischen Grundkenntnissen über die Arbeitsweise der Beckenboden- Sphinktermuskulatur.

Es existieren keine Muskeln, die eine Scheide „ hochziehen“ können. Analer und urethraler Sphinkter sind funktionell weder „ Hochzieher“ noch „ Zukneifer“, sondern „ Schnürer“ ( Sphinkter= Schnürer ).

So wundert es nicht, dass Betroffene wenig Motivation zum Üben aufbrachten. Unwirksame Bemühungen demotivieren, Handlungsbereitschaft ist erfolgsabhängig.

 

Die funktionsspezifische Perspektive

Erst die Verbreitung der Funktionellen Bewegungslehre in den Letzten 25 Jahren ermöglichte eine Neuorientierung und die Entwicklung eines funktionsspezifischen Beckenboden- Sphinkter- Übungsprogramms. Um spezifische funktionelle therapeutische Übungen entwickeln zu können, muss das Spezifische der Funktion bekannt sein.

Funktionsspezifische Bewegungen des flächigen Beckenbodens ( Diaphragma Pelvis ) sind hebende und senkende Muskelreaktionen, die abhängig vom Athemrhythmus ablaufen und darüber hinaus bei der Defäkation bzw. Miktion und während des Geburtsvorganges gefordert sind.

Funktionsspezifische Bewegungen der manschettenförmigen externen, quergestreiften Verschlussmuskeln ( urethralen und analen Sphinkter ) sind Schnürbewegungen, die das Lumen der Ausfuhrkanäle entweder verengen oder weit einstellen.

In diesem Konzept werden die folgenden spezifischen Funktionen trainiert:

  • Die „ Gurtfunktion“ des Beckenbodens zur Lagesicherung der Beckenorgane

  • Die „ Trampolinfunktion“ zur Kontinenzsicherung bei spontanem intraabdominallen Druckanstieg

  • Die „ Schnürfunktion“ zur Verbesserung der Sphinkterkompetenz.

 

Zu den therapeutischen Mitteln für ein funktionsspezifisches Beckenboden- Sphinktertraining gehören:

  • Wissensvermittlung

  • Die physiologische Atmung zur Rhythmitisierung der Übungen

  • Aspekte der Verhaltenstherapie- Angstreduktion

  • Visuelle Stimulation mit Hilfe mentaler biologischer Leitbilder

  • Kinästhetische Wahrnehmungsschulung

  • Verschlusslaute zur Reaktivierung schneller Zuckungsfasern

  • Stellvertretende Gestik als Innervationshilfe

  • Bewgungssteuerung durch natürliches Feedback

  • Intrinsische Reaktionsreize: Umkonditionierung von Vorstellungen und Gewohnheiten

  • Einsatz von funktionellen Soforthilfen zur Verarbeitung intraabdominaller Schwingungsdrücke

  • Aufschubstrategien bei idiopathischer bzw. psychogener Drangproblematik und Dranginkontinenz zum Wiedergewinn des selbst bestimmten Entleerungszeitpunkts

  • Praktische Physiotherapie, Bewegen im Alltag, Entlastungshilfen bei einseitiger oder schwerer körperlicher Arbeit

  • Vertikale Körperpositonen mit Nutzung des stimulierenden Gegenzug der Schwerkraft, z.B. Übungen auf dem BEBO- Therapieball